Bericht gemeinsamer Jahrestagung DGNR/ÖGNR/SGNR
Freiburg im Breisgau (D)
4.-6. Dezember 2025
Die Vorstandsmitglieder Miriam Binter MSc, Elisabeth Sallfellner BSc und Eva Leskosek MSc nahmen am 5. und 6. Dezember 2025 an der gemeinsamen Jahrestagung der DGNR, ÖGNR und SGNR in Freiburg im Breisgau (D) teil.
Eva Leskosek und Miriam Binter hielten einen Kurzvortrag zum Thema “Stichprobenerhebung der nicht-pharmakologischen Spastikbehandlung in Österreich” und konnten damit auch auf die “Neurotherapeut:innen Österreich” aufmerksam machen. Es wurden viele Kontakte geknüpft, interessante Gespräche geführt und neue Therapiemethoden kennengelernt und getestet.
Wir durften auch unsere Kooperationspartner Tyromotion, Ipsen Pharma und Merz Pharma vor Ort begrüßen.
Themenauszug:
- Aus ReMoS wird TheMoS! (Christian Dohle)
TheMoS steht für “Therapie der Mobilität nach Schlaganfall” und dabei handelt es sich um die aktualisierte und erweiterte Form der S2e-Leitlinie ReMoS (“Rehabilitation der Mobilität nach Schlaganfall”), welche aktuell noch über remos.dgnr.de abrufbar ist.
Mit TheMoS wird uns bald eine vollständige S3-Leitlinie von Dr. Christian Dohle et al. zur Verfügung stehen. Eine Plattform, um internationale Leitlinien abzurufen und zu erstellen, ist die “Magic App” (https://app.magicapp.org/#/guidelines).
Das Besondere an der TheMoS Arbeitsgruppe ist, dass nicht nur medizinisches Fachpersonal, sondern auch Therapeut:innen, Pflegekräfte und Betroffene Teil der Arbeitsgruppen sind, um die Komplexität der neurologischen Rehabilitation der Mobilität nach Schlaganfall zu erfassen.
Therapieempfehlungen – Auszug aus der TheMoS Leitlinie (konsentiert: 25.11.25):
| Gehfähigkeit | Gehgeschwindigkeit | Gehausdauer | |
| Stark (A) | Ausdauertraining | ||
| Schwach (B) | Rumpftraining
Mobilisation >24h Elektromechanisches Gangtraining Krafttraining Bewegungsvorstellung Exergaming/VR |
Gangtraining ohne technische Hilfen
rhythmische akustische Stimulation |
Gangtraining ohne technische Hilfen
|
| Praxisempfehlung | Gangtraining ohne technische Hilfen | kombiniertes Training
gangzyklusgetriggerte Elektrostimulation Sprunggelenksorthesen Bewegungsbeobachtung rTMS |
Krafttraining
kombiniertes Training |
| Statement (meist keine Aussage möglich) | Sprunggelenksorthesen | Exergaming/VR
Fitnesstracker Botulinumtoxin-A |
Fitnesstracker
Sprunggelenksorthesen |
| Schwach gegen (B) | Mobilisation <24h (keine separate Empfehlung) | Elektromechanisches Gangtraining
tDCS (außerhalb von Studien) |
Elektromechanisches Gangtraining
rTMS (außerhalb von Studien) tDCS (außerhalb von Studien) |
Bei der Erlangung der Gehfähigkeit ist die Anzahl der Schritte essentiell, weshalb eine Therapie mit einem Gangroboter empfohlen wird. Sobald jemand mit oder ohne Hilfsmittel gehfähig ist, sollte zu einer Laufbandtherapie (mit/ohne Gewichtsentlastung) gewechselt werden. Dabei ist die Intensität des Trainings maßgeblich für den Fortschritt.
Es besteht kein nachgewiesener Nutzen von mobilen eingelenkigen Orthesen, mobilen Exoskeletten und mobilen motorisierten haltungsunterstützenden Medizinprodukten.
Gehtraining im funktionellen Kontext ist wirksamer als isoliertes Balancetraining, um das Gleichgewicht zu verbessern.
Sämtliche neurologischen medizinisch-therapeutischen Behandlungsleitlinien sind unter folgendem Link zu finden: https://register.awmf.org/de/leitlinien/aktuelle-leitlinien/fachgesellschaft/080
- Rehabilitative Therapie bei Armparese nach Schlaganfall (Thomas Platz)
S3-Leitlinie Rehabilitative “Therapie bei Armparese nach Schlaganfall” von Dr. Thomas Platz et al. wird aktualisiert. Die bisher gültige Fassung ist unter http s://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/080-001 einzusehen.
Strukturiertes und repetitives Training ist für die Armrehabilitation nach Schlaganfall essenziell. In der chronischen Phase werden 90 bis 270 Minuten pro Woche empfohlen, wobei der Fokus stets auf einer zielorientierten Behandlung liegen sollte. In der subakuten Phase sollten täglich mindestens 30 Minuten Therapie stattfinden; bei wirksamen Therapieformen lassen sich deutliche Dosiseffekte sogar bis zu drei Stunden pro Tag nachweisen. Ergänzend dazu spielt das Eigentraining eine zentrale Rolle: Täglich sollten 60 bis 90 Minuten eingeplant werden, begleitet von regelmäßiger Supervision ein- bis zweimal pro Woche. Wichtig ist zudem ein konsequentes Monitoring, um die tatsächliche Umsetzung des Eigentrainings sicherzustellen.
Die Evidenzlage zeigt zunehmend eine Unterlegenheit traditioneller physiotherapeutischer Schulen wie Bobath oder PNF gegenüber modernen, evidenzbasierten Ansätzen. Aufgabenspezifisches Training kann eingesetzt werden, während schädigungsorientiertes Training ausdrücklich empfohlen wird. Hohe Evidenz besteht für Mentaltraining als ergänzende Therapieform, ebenso für Handlungsbeobachtung (Action Observation).
Auch technikgestützte Verfahren spielen eine zunehmende Rolle. VR-Brillen können bei leichten bis mittelgradigen Paresen sinnvoll ergänzend eingesetzt werden, wobei spezialisierte Reha-Systeme keinen besseren Behandlungserfolg erzielen als kommerzielle VR-Brillen. Der Nutzen von Brain-Computer-Interfaces ist derzeit nicht überzeugend belegt. Bei der funktionellen Elektrostimulation zeigen sich keine Unterschiede zwischen zyklischer und EMG-getriggerter Anwendung. Für die Vagusnerv-Stimulation gibt es Hinweise auf positive Effekte auf die Armfunktion, langfristige Effekte sind jedoch noch nicht statistisch gesichert.
Botulinumtoxin A (BoNT-A) kann derzeit nicht grundsätzlich zur Verbesserung der aktiven Armfunktion bei Schlaganfallpatienten mit Spastik empfohlen werden. Eine Behandlung sollte allerdings erfolgen, wenn Spastik die Körperhygiene, das Ankleiden oder die Lagerung des Arms beeinträchtigt oder wenn spastikbedingte Schmerzen bestehen.
Abschließend zeigt die Studienlage, dass unilaterales Training dem bilateralen Training in bestimmten Bereichen überlegen sein kann.
therapeutische Entscheidungshilfe:
| schwere Armlähmung | |
| Therapieempfehlung |
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| additive Therapieoptionen |
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| mittelschwere Armlähmung | |
| Therapieempfehlung |
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| additive Therapieoptionen |
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| leichte Armlähmung | |
| Therapieempfehlung |
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| additive Therapieoptionen |
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- BETA-MeH (Dolores Claros-Salinas)
BETA-MeH steht für Bedarfsorientierte Teilhabe am Arbeitsleben für Menschen mit erworbenen Hirnschädigungen. Bei diesem wichtigen wissenschaftlichen Projekt handelt es sich um studienbegleitende “Return-to-work”-Programme mit geführter Wiedereingliederung am Arbeitsplatz innerhalb von 12 Monaten nach Ereignis.
Größtes Fazit des Projekts: auch leichte Aufmerksamkeitsdefizite können sich negativ auf die Wiederaufnahme des Berufes auswirken.
- Bruchstelle Nachsorge? Ambulante Versorgung von Menschen mit komplexen Bedarfslagen nach stationärer Langzeitrehabilitation (Maja Wiest)
Für Menschen mit komplexen Bedarfslagen – etwa gleichzeitig bestehenden kognitiven, sprachlichen und motorischen Beeinträchtigungen – stellt die sektorübergreifende Versorgung eine besondere Herausforderung dar. Diese Arbeit untersucht, wie sich die ambulante therapeutische und medizinische Nachsorge in diesem Kontext gestaltet. Bereits drei Monate nach der Entlassung zeigt sich eine deutliche Diskrepanz zwischen den ärztlich empfohlenen Maßnahmen und den tatsächlich in Anspruch genommenen Leistungen.
Besonders ausgeprägt ist die Unterversorgung im Bereich der Neuropsychologie, die mit 57 % den höchsten Anteil aufweist. Deutlich geringer sind die Versorgungsdefizite in der Ergotherapie (29 %), Physiotherapie (24 %) und Logopädie (12 %). Sechs Wochen nach dem Auszug aus der stationären Behandlung berichtet ein Drittel der Betroffenen über eine vollständige therapeutische Nachsorge, während ein weiteres Drittel nur eine unvollständige Versorgung erhält – insbesondere Personen mit drei oder mehr therapeutischen Anschlussempfehlungen sind hiervon betroffen.
Die Betroffenen schildern verschiedene Hürden, darunter Terminengpässe, mangelnde Koordination der verschiedenen Leistungserbringer sowie Schwierigkeiten, qualifizierte Therapeut:innen im eigenen Wohnumfeld zu finden. Gleichzeitig zeigt sich jedoch, dass sowohl das private als auch das professionelle Umfeld eine zentrale Ressource darstellt, um die ambulante Nachsorge zu sichern.
- Ambulante interprofessionelle Diagnostik der außerhäulichen gehbezogenen Teilhabe von Personen nach einem Schlaganfall (Claudia Pott)
Viele Schlaganfallbetroffene erleben Einschränkungen in der außerhäuslichen gehbezogenen Teilhabe (agT). Bislang fehlen jedoch konkrete Empfehlungen zur Auswahl geeigneter restitutiver, kompensatorischer oder adaptiver Interventionen. Genau damit beschäftigt sich Claudia Pott (ebenfalls NTÖ-Mitglied) gemeinsam mit einem Forschungsteam in einem integrativen Review. Ziel ist es, fundierte Handlungsempfehlungen zu entwickeln und ein praxisnahes Toolkit für Fachpersonen bereitzustellen.
Bereits jetzt wird deutlich, dass eine erfolgreiche Förderung der außerhäuslichen Teilhabe eine enge interdisziplinäre Zusammenarbeit voraussetzt – ebenso wie ein gemeinsames Verständnis zentraler Konzepte und eine teambasierte Definition von Teilhabe.
- Does location matter? Bewegungstherapie zu Hause oder im Therapiezentrum nach Schlaganfall (Katrin Rösner)
Zur Verbesserung der Mobilität nach einem Schlaganfall wird derzeit untersucht, welchen Einfluss der Durchführungsort – also das häusliche Umfeld im Vergleich zu einer Therapieeinrichtung – auf die Wirksamkeit bewegungstherapeutischer Maßnahmen hat. Ein aktuelles Update in Form einer systematischen Übersichtsarbeit liefert erste Erkenntnisse dazu.
Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass therapeutische Inhalte durch Fachpersonal geplant, verordnet und nach entsprechender Anleitung regelmäßig überprüft werden sollten. Entscheidend ist dabei eine sorgfältige Analyse des Schweregrads der Beeinträchtigung. Insgesamt zeigt sich, dass die Evidenz für die Wirksamkeit bewegungstherapeutischer Interventionen an der oberen Extremität derzeit besser belegt ist als für die untere Extremität.
- KI in der Sprachtherapie (Caterine Breitenstein, Stefan Knecht, Jana Quinting)
Die Zukunft der Sprachtherapie bei Aphasie zeichnet sich durch innovative Ansätze aus, die eine zunehmend individualisierte und intensivierte Behandlung ermöglichen. Sie erlauben es, therapeutische Interventionen stärker an den spezifischen Bedürfnissen, Ressourcen und Fähigkeiten der einzelnen Patient:innen auszurichten. Insbesondere im Bereich der chronischen Aphasie besteht das Potenzial, die kommunikativen Kompetenzen deutlich zu verbessern und damit sowohl die funktionelle Selbstständigkeit im Alltag als auch die Lebensqualität nachhaltig zu erhöhen.
Im Kontext der fortschreitenden Digitalisierung gewinnt die Sprachrehabilitation mithilfe künstlicher Intelligenz zunehmend an Bedeutung. Erste Versuche eines KI-basierten Sprachtherapeuten auf Grundlage von GPT-5 zeigen, wie KI als therapeutisches Werkzeug und Modell eingesetzt werden kann. Gleichzeitig eröffnen VR- und KI-gestützte Verfahren neue Möglichkeiten in der Diagnostik und Therapie kognitiver, sprachlicher und kommunikativer Einschränkungen nach Hirnschädigungen.
Diese Entwicklungen gehen jedoch mit verschiedenen Herausforderungen einher. Dazu zählen die technische Umsetzung sowie die Frage der Zugänglichkeit, wenngleich die Systeme zunehmend niederschwelliger werden. Auch die Akzeptanz bei Patient:innen und Therapeut:innen, der Schutz sensibler Daten sowie die bislang unzureichende Evidenzlage hinsichtlich der Wirksamkeit stellen zentrale Hürden dar. Demgegenüber stehen erhebliche Potenziale: VR- und KI-basierte Verfahren können die ökologische Validität von Diagnostik und Therapie verbessern, eine stärkere Individualisierung und Personalisierung ermöglichen und damit intensiveres, kontextvariableres Üben unterstützen. Zudem bieten sie Chancen für objektivere Datenerfassung und -auswertung sowie für eine erleichterte Generalisierung therapeutischer Fortschritte und eine nachhaltigere Sicherung des Langzeiteffekts.
- Multimodale Therapie der spastischen Bewegungsstörung anhand von Video-Patientenbeispielen
In diesem Vortrag wurde nochmals auf die Wichtigkeit von Assessment und deren richtige Durchführung hingewiesen. Die Ashworth Skale wird sehr häufig für die Aussagekraft von Spastizität verwendet, allerdings ist dabei die Reliabilität nicht gegeben. Die Tardieu Skala sei deutlich besser geeignet zur Bestimmung der Spastizität. Wobei hier die Beschreibung der einzelnen Qualitätsmerkmale nicht optimal ist.
In diesem Kontext wurde Bezug auf den Kurzvortrag von Eva und Miriam und deren Ergebnisse genommen. Hauptsächlich wurde auf die geringe Testung der Spastik im Therapiealltag und der häufigen Verwendung der Ashworth Skala zur Spastikbestimmung aufgezeigt. Des Weiteren wurde nochmals über die Wichtigkeit der Behandlungsmethoden wie in der S3-Leitlinie Rehabilitative “Therapie bei Armparese nach Schlaganfall” hingewiesen.
- Moderne Technologien in der Neurorehabilitation AR, VR, und somatosensorische Verfahren bei Neglect
Zu Beginn wurden die Begrifflichkeiten AR (augmentented Reality – eine Kombination der Realität mit einer virtuellen Erweiterung) und VR (virtuelle Realität – eine Darstellung einer scheinbaren Wirklichkeit) definiert. Danach wurde in diesem Workshop die App Negami vorgestellt. Die App kann auf einem Tablet oder Laptop installiert werden. Die Aufgabe besteht darin, einen Vogel zu verfolgen bzw. ihn zu suchen, wobei dieser in den realen Hintergrund eingeblendet wird (AR – augmented reality).
Beim Verwenden der App ist es notwendig, den Rumpf zu rotieren. Aufgrund der Rumpfrotation soll sich die subjektiv verschobene Körpermitte, der objektiven Körpermitte, wieder annähern.
Deswegen wird diese App nur auf dem Tablet/Laptop zur Verfügung gestellt. Auf einem Mobiltelefon kann die Bewegung mit der Bewegung des Armes und der Hand durchgeführt werden und es kommt dabei nicht zwingend zu einer Rumpfrotation.
Es wird noch näher auf die Möglichkeiten des Negelcttrainings mit einer VR – Brille (VR – virtuelle Realität) eingegangen. Hauptsächlich bietet es den Vorteil, dass in einer 3 Dimensionalen virtuellen Realität gearbeitet werden kann.
Es wurde ein Programm vorgestellt, in dem die Aufgabe daraus besteht, einen Brief aufzugeben. Dabei muss sowohl eine Straße als auch ein Marktplatz überquert werden. Die Besonderheit bei diesem Programm ist, dass man hier die Geschwindigkeit der Autos voreingestellt werden kann und ebenso aus welcher Richtung die Autos kommen.
Das zweite Programm bestand, einen Gegenstand auf einem Förderband zu verfolgen. Wird eine Kopfrotation von mehr als 10° gemacht, so stoppt das Förderband und der Gegenstand wird nicht weiterverfolgt.
Es wurde ebenso erwähnt, dass die Stimulation der tiefen Nackenmuskulatur der kontralateralen Seite mit 80 -100 Hertz ebenso eine Verbesserung der Zentrierung der Körpermitte bringt. Durch die Vibration und dabei der Lockerung und Entspannung der Nackenmuskulatur kann sich die subjektiv verschobene Körpermitte wieder der objektiven Körpermitte nähern und damit kann eine Verbesserung der Raumorientierung erzielt werden.
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